Hildegard von Bingen

Hildegard von BingenSie verbindet miteinander, was in der Geschichte des Christentums allzu oft auseinander gerissen wurde. Sie gilt als Heilige, und zugleich ist etwas in ihr von dem, was die Hexen auszeichnete, genauer gesagt jene Frauen, die als Hexen galten. Sie wird als Heilige verehrt und zugleich als eine große Heilende.
Die visionäre Begabung bestimmte ihr ganzes Sein. Alle für sie wesentlichen Einsichten und Entscheidungen schöpfte sie aus ihrer Sehergabe, die ihr von Kindheit an gegeben war. Hildegards Sicht der Natur zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass sie den ganzen Makrokosmos und damit auch den Mikrokosmos des menschlichen Körpers von einer einheitlichen Kraft durchwirkt sieht, der sancta viriditas, der "Edelstein Grüne".

Nur durch die Schwächung des von seiner Quelle abgesonderten Menschen, durch die daraus sich ergebenden hybriden Handlungen gegenüber der Erde, sei Unfruchtbarkeit und Disharmonie entstanden. Alles ist aufeinander bezogen, alles stiftet Beziehung und ruft den Menschen zur Bezogenheit auf. Die 77 Lieder, die Hildegard empfangen hat, fasste sie zu einem Zyklus zusammen, den sie "Symphonie von der Harmonie der himmlischen Offenbarungen" nannte. Sie wollte mit diesem Titel sowohl auf die darin enthaltene Eingebung verweisen, als auch darauf, dass Musik die höchste Form eines Lobgesanges der Geschöpfe ist, indem sie echohaft die Töne der himmlischen Sphären erklingen lässt.

Mit "Symphonie" ist der musikalische Zusammenklang der Stimmen und Instrumente gemeint, auch die seelische Harmonie eines Menschen und darüber hinaus die Harmonie des Kosmos, ja des Himmels. Musizieren als Zusammenführung von Geist und Stimme, Himmel und Erde ,wird so zum Gottes-Dienst, zum opus bonus, dem guten Werk. (aus Ingrid Riedel : Hildegard von Bingen).
 
Hildegard von BingenDieser Geist der Einheitlichkeit und Wieder-Anbindung wird deutlich fühlbar und hörbar in ihrer Musik.
Allein durch das aufmerksame Vernehmen der Lieder in einem weiten Kirchenraum ist es möglich, Hildegards seelische Weite zu er-hören und dieselbe auch in uns zu entdecken, den unendlichen Raum in dem wir uns als Individuen befinden anzuerkennen und zugleich die Anbindung an ein überdimensionales Netz, mit dem wir verbunden und von dem wir vollkommen abhängig sind.

Die seelische Weite hat mich von Anfang an tief berührt und tut es noch immer, ganz gleich wie oft ich die Lieder schon gesungen habe.

Die Seele, die sich ausdehnt, ist vergleichbar mit der Stimme, die sich mit jedem Ton einen zusätzlichen inneren Raum erschließt und mit ihrer Präsenz belebt. Dies fordert Wachsamkeit und ein klares Gefühl für die Kirche oder den Saal in dem ich mich befinde und für dessen akustische Beschaffenheit.
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